19.08.2019 von Lena Zamzow & Nastaran Hosseini

Unsere Kolleginnen Lena Zamzow und Nastaran Hosseini waren am 13. August 2019 bei der Frauen-Sommer-Universität für Informatikerinnen an der Universität Bremen und haben einen Fachvortrag über neuland und die "Frauen in der Informatik"-Gilde gehalten.

Endlich ist es so weit: Wir brechen auf zur Universität Bremen. In unseren Taschen: extra neu gestaltete Flyer, neuland Aufkleber, Kulis und ein Stapel Berühmte-Bugs-Kartenspiele.

Schon in der Gründungszeit der Gilde haben wir überlegt, wie wir nach außen treten können. Dem Call for Papers der Informatica Feminale mit einer eigenen Einreichung zu folgen war ein natürliches Ergebnis dieser Diskussion.

Im Gebäude MZH werden wir direkt freundlich von der Organisatorin Henrike Illig in Empfang genommen. An einem Infopoint können wir erstmal unser Merchandise ablegen, Getränke und Snacks bekommen wir in dem extra hergerichteten Café. Der Raum ist voll mit interessierten Frauen, der Beamer läuft - und schon geht's los mit unserer Firmenvorstellung:

Was ist das Problem?

Bei neuland liegen wir mit einem Frauenanteil von ca. einem Fünftel für ein IT-Unternehmen im Durchschnitt. Das entspricht auch dem Anteil von Studentinnen an Hochschulen in Deutschland und dies ist auch in der Branche Realität. Womit wir eigentlich auch schon beim Problem wären: Warum sind es eigentlich so wenige Frauen? Es gibt zahlreiche Beispiele in der Geschichte, bei denen Frauen keine Anerkennung für ihre technischen oder mathematischen Leistungen bekommen haben und in Vergessenheit geraten sind. Auch die Frauenförderung kommt hier nicht hinterher und wird politisch zu wenig vorangetrieben. So hängt der Frauenanteil weiterhin bei besagten 20 Prozent fest.

Man weiß, dass Minderheiten unter 30 Prozent stark mit Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert sind und sich ständig in der Situation wiederfinden, "anders" und in der Regel auch allein in einem Team zu sein. Um dieses Problem anzugehen, hilft die Einführung einer 30-Prozent-Quote alleine auch nicht, weil es z.B. im Informatikumfeld gar nicht genug Frauen gibt, um diese Quote zu erfüllen. Für uns als Firma heißt das, dass wir z.B. an einer Kampagne wie #30MIT30 der Digital Media Women gar nicht teilnehmen können, weil mit 21 Prozent Frauenanteil sowieso nicht 30 Prozent Frauen in Führungspositionen sein können.

Dennoch gibt es Möglichkeiten, Frauen in diesem Bereich zu fördern - und da können die Frauen selbst gemeinsam einiges erreichen! Anfang des Jahres ist ein Artikel der sciencedaily veröffentlicht worden, in dem es heißt, dass 70 Prozent der Frauen in Führungspositionen zuvor ein Frauennetzwerk in ihrem Rücken hatten, das sie stärkte. Warum also nicht einfach ein eigenes Frauennetzwerk gründen?

Themen der Gilde

In unserem Fall gründeten wir eine Gilde und nannten sie „Frauen in der Informatik“ - ein Raum für die Frauen bei neuland, um sich auszutauschen und über die Dinge zu reden, die im gewöhnlichen Projektalltag meist eher untergehen (oder vielleicht aus verschiedenen Gründen bewusst nicht angesprochen werden):

  • Wie sahen unsere bisherigen Erfahrungen als Frauen in der IT-Branche aus? Was war während der Ausbildung oder dem Studium anders als im beruflichen Umfeld und was hat sich nicht geändert?
  • Wie nehmen wir uns selbst im Team, in der Firma wahr?
  • Welche Unsicherheiten haben wir und wo kommen diese überhaupt her?
  • Wie bringen diejenigen von uns, die Kinder haben, den Job und die Familie unter einen Hut? Wie können wir trotz Teilzeitarbeit produktiv sein und uns weiterentwickeln, wenn die Vormittage häufig voll sind mit Meetings und kaum Zeit zum Programmieren bleibt?

Unsere ersten Treffen waren vor allem geprägt von diesem entspannten, dennoch wertvollen Austausch, was wohl aus zwei Gründen besonders wichtig war. Nicht nur stellten wir fest, dass wir alle ähnliche Geschichten zu erzählen hatten und uns denselben Herausforderungen gegenüber sahen - auch das Vertrauen untereinander wurde durch die offene Diskussion massiv gestärkt.

Selbstbewusstsein stärken

Unsere Aktivitäten in der Gilde gehen in zwei Richtungen: Die eine ist darauf bezogen, wie wir uns individuell stärken können, bei der anderen geht es darum, nach außen zu treten und zu sagen: „Hallo, wir sind’s - die Frauen von neuland“! In Bezug auf die erste Dimension haben wir aufgrund unseres Erfahrungsaustausches ein Coaching Konzept entwickelt. Für das Coaching kommen wir in regelmäßigen Abständen (jeden Tag, jede Woche, jeden Monat...) zu zweit zusammen und analysieren Situationen, die wir in der Zeit erlebt haben. Ziel ist es, herauszubekommen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Situation und den Geschlechterverhältnissen gibt oder nicht. Aber auch Zweifel und Ziele werden formuliert, und gemeinsam suchen wir nach Strategien und Lösungen. Damit waren wir bisher sehr erfolgreich.

Darüber hinaus haben wir im Frühling ein Seminar zu "Frauen im Männerberuf" mit der externen Trainerin Christine Dreyer organisiert. Sie hat es auf wundervolle Weise hinbekommen, dass wir über unsere Ängste und Zweifel sprachen, die uns als Personen im Ganzen betreffen (und nicht "nur" als Angestellte). Davon ausgehend haben wir unter ihrer Anleitung viele Übungen gemacht und Gespräche geführt, die uns gestärkt und einen Ausgangspunkt für ein gutes Selbstbewusstsein geschaffen haben. Und - auch sehr wichtig: Das Seminar hat uns zusammengebracht und das Vertrauen untereinander massiv gestärkt. Wir zehren bis heute davon.

"Hallo, wir sind's - die Frauen von neuland"

In Bezug auf die zweite Dimension unserer Aktivitäten war es naheliegend, am Call for Papers für die Informatica Feminale in diesem Jahr teilzunehmen, aber uns z.B. auch einmal anzusehen, wie unsere Stellenausschreibungen formuliert sind. Manchmal sind es allein die Formulierungen, die Frauen die Motivation nehmen, sich zu bewerben.

Das erste Mal nach außen getreten sind wir mit dem Blogartikel unserer Kollegin Anita Schüttler, die zum Internationalen Frauentag am 8. März diesen Jahres (aus dem Berlin übrigens als erstes Bundesland einen offiziellen Feiertag gemacht hat) über unsere Gilde geschrieben hat.

Um auf der analytischen Ebene das Thema zu ergründen, hat Lena Zamzow einen Vortrag zum Thema "Warum Frauen sich für Technik interessieren, sich aber trotzdem gegen Informatik entscheiden" mit dem Titel "Decompile! Gender Illusions in Tech" gehalten. Dabei ist sie der beliebten Behauptung auf den Grund gegangen, dass Frauen sich schlicht nicht für Technik interessieren. Viele Beispiele zeigen, dass das nicht der Fall ist. Vielmehr sind viele in dem Feld tätige Frauen in der Geschichtsschreibung in Vergessenheit geraten und aus wirtschaftlich und gesellschaftlich relevanten Bereichen verdrängt worden. Somit fehlt es an Vorbildern.


Wenn wir also annehmen, dass es einen Willen zur Geschlechtergerechtigkeit gibt, fehlt es hier politisch an Frauenförderung, zumal der Gender Pay Gap auch in der IT greift. Das Problem fängt oft schon früh in Erziehung und Sozialisation an, die Jungen dazu bringt, sich mit Technik zu beschäftigen und Mädchen eher davon abhält. Deshalb muss die Förderung von Mädchen im Bereich Technik schon früh beginnen. Wir haben in Kooperation mit der Hochschule Bremen in den Osterferien einen Programmierworkshop mit 14 Schülerinnen organisiert, bei dem sie lernten, einen leichtgewichtigen Onlineshop eigenständig zu programmieren.

Zu guter Letzt haben wir nicht nur aus strategischen Erwägungen heraus, sondern vor allem, weil es Spaß macht, einen monatlichen Stammtisch initiiert, um einander etwas besser kennenzulernen. In Planung ist außerdem ein Filmabend mit weiteren weiblichen Nerds außerhalb des neuland-Kosmos, und wir arbeiten daran, wie eine Vernetzung hier gestaltet werden kann. Alle unsere Aktivitäten und Gespräche bringen uns als Frauen von neuland zusammen, was eine wahnsinnig gute Erfahrung ist und uns auch innerhalb der Firma sichtbar macht.

Fazit

Für uns, die wir bei der Informatica Feminale zu Besuch waren, war es großartig zu sehen, dass da noch viel mehr tolle, technikbegeisterte Frauen sind. Während unseres Vortrags war jedes zustimmende Nicken vonseiten unserer Zuhörerinnen eine Bestätigung dafür, dass das, was wir in der Gilde tun, für uns Frauen wichtig und nötig ist. Das zeigte uns auch das Feedback, was wir von einigen der Studentinnen bekamen. Wahrscheinlich hätten nicht nur wir uns mehr Zeit gewünscht, um alle Fragen zu beantworten, weitere Erfahrungen auszutauschen und tiefer in die Diskussion einsteigen zu können. Dennoch - oder gerade deswegen - hoffen wir, mit unseren Aktivitäten in der Gilde andere Frauen (zum Nachahmen) zu inspirieren und einen Denkanstoß bei dem/der einen oder anderen zu bewirken, der/die sich bisher weniger mit diesem Thema konfrontiert sah.