13.06.2019 von Torben Fojuth

Der Begriff der technischen Schulden fällt häufiger, wenn sich Entwickelnde untereinander oder mit ihren Product Ownern unterhalten. Oftmals haben die Entwickelnden eines Teams jedoch unterschiedliche Vorstellungen im Kopf, wenn sie von technischen Schulden sprechen. Missverständnisse sind vorprogrammiert.

Motiviert durch eine kleine Twitter-Diskussion zwischen meinen Kollegen Artur Tomas, Dennis Reimann und mir zu diesem Thema möchte ich noch etwas Öl ins Feuer kippen und in diesem kurzen Text meine ganz persönliche Vorstellung davon zum Besten geben, was technische Schulden sind und was nicht. Ich freue mich schon auf die Diskussion. ;)

Wie entstehen technische Schulden?

Die Aufnahme technischer Schulden ist stets eine bewusste Entscheidung des gesamten Teams, insbesondere inklusive des Product Owners. Die Zielsetzung ist, schnellstmöglich ein Produkt oder ein Feature auf den Markt zu bekommen, um sich entweder einen Wettbewerbsvorteil zu sichern oder schlicht, um am Markt zu bestehen. In unserem schnelllebigen Online-Zeitalter können schon wenige Wochen einen signifikanten Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen.

Das Tempo beim Ausliefern dieses Produkts oder Features wird durch einen Verzicht auf handwerkliche Tugenden bei der Entwicklung erkauft. So wird etwa auf das Schreiben ausführlicher Tests, das Refaktorisieren schwer verständlichen Codes oder die Durchführung von Peer Reviews verzichtet.

Diese vom Team wohl wissend in Kauf genommenen und daher zwingend im Backlog verzeichneten Defizite stellen die technischen Schulden des Projekts dar. Sie müssen zu einem späteren Zeitpunkt vom Team abgezahlt werden, wenn das Projekt nicht dauerhaft durch die verrottete Codebasis ausgebremst werden soll. Das Abzahlen der Schulden erfolgt in Sprints, die keine oder kaum neue Features hervorbringen, sondern lediglich dafür sorgen, Defizite zu beseitigen.

Was sind keine technischen Schulden?

Im Gegensatz zu dem oben beschriebenen Prozess stellen handwerkliche Defizite, die ohne Übereinkunft des Teams entstehen, keine technischen Schulden dar. So schreiben beispielsweise unerfahrene Entwickelnde oft unbeabsichtigt unverständlichen Code. Fehlt es dann im Team noch an geeigneten Reviewprozessen, schleichen sich solche Defizite unbemerkt in die Codebasis ein. Aber auch erfahrene Entwickelnde schreiben mitunter, vermeintlich aus Zeitdruck, Produktionscode ohne Tests und machen ihren frischen Code damit direkt zu schwer wartbarem legacy code.

Es ist die Aufgabe des gesamten Entwicklungsteams, suboptimale Stellen in der Codebasis zu identifizieren und diese Defizite zu beheben. Reparaturen erfolgen in diesem Fall nebenbei im regulären Alltagsgeschäft und bedürfen keiner separaten Tickets. Es gehört zu den Aufgaben eines professionellen Entwickelnden, die Pflege der Codebasis im Tagesgeschäft zu leben.

Fazit

Gründe für handwerkliche Defizite in der Codebasis gibt es also genug. Wichtig ist die Abgrenzung zu technischen Schulden. Diese entstehen nicht einfach, sie werden bewusst aufgenommen.

Der Autor

Torben Fojuth
arbeitet seit seinem Abschluss als Diplom-Informatiker an der Universität Bremen 2007 als Softwarentwickler im Web-Umfeld. Bei neuland ist er seit 2012 als Softwareentwickler und Ausbilder tätig. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Softwarearchitektur, Clean Code, TDD und Domain-driven Design. Seine Rolle in der Lehre und Fortbildung ist eine gute Ergänzung zur Projektarbeit.